Geringe Abweichungen von Standardmeinungen waren gefährlich, gerade da die sich neu formierenden staatlichen Institutionen der Moderne anfänglich auf der Prämisse aufbauten, dass Staaten Stabilität dann gewännen, wenn ihre Bürger dieselben Anschauungen vertraten – sie machten die Erfahrung, dass Religionspluralismus sie den massivsten außenpolitischen Zerreißproben aussetzte. Die „freien Niederlande“ waren bis in das frühe 18. Jahrhundert nicht so frei, dass ein Baruch Spinoza hier außerhalb des Freundeskreises freier hätte sprechen können, hier blieb Atheismus die das Gemeinwesen zersetzende Gefahr.[15]
Die meisten heutigen historischen Darstellungen der erkenntnistheoretischen Rückblicke in die Zeit zwischen 1500 und 1800 pflegen das komplexe Debattenfeld zu lichten und Geschichten zu schreiben, in denen sich das moderne naturwissenschaftliche Denken in einem Siegeszug der Aufklärung durchsetzte. Tatsächlich konnte man an den Universitäten des 17. und 18. Jahrhunderts keine naturwissenschaftlichen Fächer belegen. Einzelne Forschergesellschaften, zumeist Liebhaberkreise, trugen die Experimentalphysik, die Astronomie und die Mathematik bis in das 19. Jahrhundert voran. Die Öffentlichkeit belächelte die Experimente, Jonathan Swifts Satiren sind hier typisch. Die Lebensbedingungen veränderten sich durch die Naturwissenschaft erst in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts drastischer.
Die üblichen Rückblicke, die vor allem einen (französisch-deutschen) Rationalismus, eine (dominant-englische) Strömung des Empirismus und eine (eher deutsche) des Idealismus Immanuel Kants gegeneinanderstellen, haben Bedeutung im größeren Rückblick, da aus ihnen unser gegenwärtiges Gefüge an Denktraditionen im 19. Jahrhundert erwuchs.
Rationalismus